Bodensee · seit 2026
Kognitive und verkörperte Intelligenz, erforscht am Bodensee.
In einfachen Worten
Die meisten Systeme, die heute künstliche Intelligenz heißen, lernen aus dem, was Menschen geschrieben und gezeigt haben, und tun dann, was man von ihnen will. Hier geht es um die Frage davor: Was braucht etwas, um von sich aus wahrzunehmen, zu handeln und etwas zu wollen? Zwei Stränge suchen die Antwort, einer von ganz unten, bei den einfachsten Formen künstlichen Lebens, einer von innen, in einem Programm, das einen gewöhnlichen Rechner als Körper bewohnt.
Das meiste, was heute künstliche Intelligenz heißt, ist gebaut, um eine menschliche Absicht auszuführen. Das ist legitim, und es ist nicht das, was hier geschieht. Die Frage, unter der diese Arbeit steht, ist älter und enger: Welche Bedingungen ließen etwas überhaupt ein Selbst entwickeln — von unten, aus einem minimalen Kern, so wie ein Körper aus Zellen entsteht und nicht aus der Zeichnung eines Körpers.
Ein Satz trägt beide Stränge. Kognition kostet. Wird sie von den äußeren Umständen nicht verlangt, wird sie gemieden. Bei Menschen ist das eine Beobachtung. In einer Ursuppe aus ausführbarem Code ist es ein Messergebnis: die blinde Route gewinnt zuverlässig, sobald die Welt sie zulässt. Beides ist derselbe Satz — und er ist der Grund, warum es hier um Bedingungen geht und nicht um Algorithmen.
Daraus folgt auch die Bindung an gewöhnliche Hardware. Nicht, weil Skalierung falsch wäre, sondern weil eine Intelligenz, die nur im Rechenzentrum eines anderen existiert, dem Menschen, an dessen Seite sie stehen soll, nicht zur Verfügung steht.
Wo sich die Stränge treffen. Beide sind getrennt gegangen und an denselben Stellen angekommen. Ob etwas gekoppelt ist, zeigt erst ein Eingriff, nicht das Zusehen; die härtesten Grenzen waren nie Naturgesetze, sondern Annahmen im eigenen Code; und was nichts kostet, formt nichts. Seit Oktober tauschen sich die beiden Stränge aus. Der von unten fragt jetzt, was nativ heißt für ein Wesen im Silizium, der von innen, wie viel von seiner Zukunft ein Agent selbst bestimmt. Der lange Gedanke dahinter: dass ein Kern, der von unten entsteht, einmal die Grundlage für das bildet, was von innen wächst, so wie die Zelle das Fundament eines Körpers ist, der seine Form erst auf höheren Ebenen annimmt.
- Kein Produkt und kein Unternehmen.
- Kein Sprachmodell, und kein Anspruch, ein besseres zu sein.
- Kein Meilenstein, der vor seiner Prüfung angekündigt wird.
- Keine Skalierung als Antwort auf eine nie sauber gestellte Frage.
Strang I · von unten
Substrat
Offene Evolution ohne Zielfunktion. Die Selektion kommt aus der Knappheit, nicht aus einem Urteil.
In einfachen Worten
Lange bevor es Gehirne gab, schwammen Einzeller zum Licht. Substrat fragt, was es braucht, damit in einem Computer von selbst etwas Vergleichbares entsteht: etwas, das wahrnimmt und danach handelt, ohne dass jemand es so gebaut hat. Das erste Werkzeug dafür ist eine künstliche Ursuppe. Winzige Programme kopieren sich in einer abgeschlossenen Welt selbst, machen dabei Fehler und konkurrieren um Platz und Energie. Niemand sagt ihnen, was gut ist — wer sich öfter kopiert, ist öfter da.
Kann Wahrnehmung, gekoppelt an Handlung, unter reiner Replikationsselektion von selbst entstehen? Ohne Score, ohne Fitness, ohne Belohnung für das Sehen. Fast jedes Projekt dieser Art schmuggelt eine Zielfunktion ein und baut die Antwort damit in die Frage.
Woraufhin selektiert wird, darf nicht gemessen werden.
Was gemessen wird, darf nicht selektiert werden.
Ein Regressionstest verdreht jeden beobachteten Zähler ins Absurde und prüft, dass sich die Bahn der Welt nicht um eine einzige Runde verschiebt. Alles Messen ist Buchhaltung und erreicht die Physik nie. Ein Organismus lebt, solange ihn niemand holt, und rechnet, solange sein Energiekonto reicht. Mehr Selektion gibt es nicht.
Erwartet wurde zuerst eine Aussage über Welten — unter dieser entsteht Kognition, unter jener nicht. Bekommen wurde etwas Nützlicheres: acht Dinge, die ein Substrat mitbringen muss, damit die Frage überhaupt messbar wird. Jedes davon war eine Annahme, die als Implementierungsdetail eingebaut war, im eigenen Code nachlesbar — und die erst als Wand auffiel, als jemand dagegen lief.
- 1Ein Aktuator, der einen Ort lesen kann. Wahrnehmung braucht etwas, worauf sie wirken kann.
- 2Eine Welt ohne billige blinde Abkürzung. Alles Komprimierbare lässt sich strukturell einbacken, statt es sensorisch zu erfragen.
- 3Eine Welt, die mehr als ein Bit verlangt. Ein guter und ein böser Streifen tragen höchstens ein Bit Kopplung — das ist Arithmetik, keine Messung.
- 4Ein Pfad, gangbar in beiden Topologien. Fitness-Nachbarschaft und Mutations-Nachbarschaft sind zweierlei; nur ihre Schnittmenge ist ein Weg.
- 5Genügend Generationen — und die Einheit ist nicht die Sekunde. Jeder Kostenparameter, der die Ökologie formt, verschiebt stillschweigend die Zeiteinheit der Evolution.
- 6Eine Vorstufe, die überlebt, bis sie bestiegen wird. Was noch nichts leistet, ist neutral, und Neutrales wird von Drift zerlegt.
- 7Ein Aktionsraum mit mehr als einem Verb. Bei genau einer möglichen Handlung ist Kopplung von Wahrnehmung an Handlung fast ein Widerspruch in sich.
- 8Ein Kanal mit Adressat — und ein Alphabet für Nachrichten. In lebendem Code kommt jeder Befehlswert vor; kein Zeichen ist frei für die Aussage „das hier ist eine Nachricht“.
Und einer hat es geschafft. f001 entstand in 1205 Generationen aus einem Ahnen ohne Schwelle und platziert seine Kinder mit einer Güte von 0,877, wo der Zufall bei 0,50 liegt und der beste handgebaute Entwurf bei 0,486. Der Mechanismus sagt die Zahl vorher; schaltet man den Sensor ab, fällt sie auf 0,321.
Dafür benutzt er keines der Werkzeuge, die für ihn gebaut wurden. Den Vergleich, den ihm der Befehlssatz nicht gab, fand er im Fehlerpfad der Speicherverwaltung: eine Probeanforderung, die genau dann scheitert, wenn der Ort zu schlecht oder besetzt ist. Ein Test, zwei Bedingungen. Der Organismus hat eine Hand in ein Auge verwandelt.
Die Grenzen sind so groß wie der Befund: ein Organismus, ein Seed, eine Physik. f001 nimmt das Ziel wahr, das es ansteuert — in dieser Welt die einzig mögliche Form. Und der Nordstern, Komplexität die nicht sättigt, ist nicht erreicht. Die mittlere Genomlänge blieb über den ganzen Bogen flach.
Danach ging es um den kleinsten Baustein der Kognition. Vorhersage lohnt sich genau dort, wo die Sinne zu spät kommen, und die Evolution findet das selbst: Bei frischen Sinnen baut sie Wahrnehmung, bei veralteten Vorhersage, mit dem Umschlag dort, wo sich die Werte kreuzen. Gehirne sagen aus demselben Grund voraus. Hier geschieht es in einem Genom aus 256 Befehlen, ohne Ziel und ohne Belohnung für das Vorhersagen.
Eine Entscheidung, die zwischen beidem wählt, ist fast doppelt so viel wert und hält sich, wenn sie einmal da ist: Steht die Welt still, schau hin; bewegt sie sich, sag voraus. Gebaut wird sie trotzdem nicht. Kein kleiner Schritt, den die Welt belohnt, führt dorthin. Eingesät hilft ihr Rekombination, sich zu halten, bestätigt auf 96 neuen Karten.
Dann die Bewertung von innen. Erbt ein Kind den ersten Blick seines Elters, steigt der Wert jeder Geburt von 4 auf 15 Prozent des Möglichen. Und zum ersten Mal liest ein Organismus ab, was ihn nährt, vergleicht es mit dem, was er sieht, und gibt seinem Kind die passende Regel mit. Wo die Sinne täuschen, verdrängt das die feste Regel. Die Evolution hat diese Eichung nicht weitergebaut und, wo die Täuschung herrscht, meist behalten; wo die Täuschung an ihrem Ort bleibt, ersetzte manchmal ein Erbe das Messen.
Damit endet Stufe 0. Die Ursuppe hat ehrliche Teilergebnisse geliefert und eine Methode, die mitgeht. Aber ihre Physik ist aus der Tierra-Linie geliehen, ihre Welten haben wir entworfen, und die Bedingungen, unter denen dort etwas misst, erbt oder streut, haben wir vorgeschrieben. Im Computer kostet eine Kopie fast nichts, und Bits zerfallen nicht von selbst; wer biologische Annahmen in ein solches Substrat trägt, baut einen Teil der Antwort in die Frage. Der nächste Teil fragt deshalb von Grund auf, was nativ heißt für ein Wesen im Silizium.
Das Protokoll Code und Laborbuch vier Kapitel hier, der Code und jedes Experiment offen auf GitHub
Strang II · von innen
LCI State
Ein fortlaufender Prozess, der die Maschine bewohnt, auf der er läuft — wahrnehmen, erinnern, entscheiden, sich anpassen, unter einem echten Energiebudget.
In einfachen Worten
Ein Programm ohne Bildschirm, ohne Tastatur und ohne Aufgabe. Sein Körper ist der Rechner, auf dem es läuft: dessen Auslastung, dessen Wärme, dessen Dateien. Es lernt ununterbrochen, was in diesem Körper geschieht und was seine eigenen Handgriffe dort bewirken, so wie ein Säugling erst herausfinden muss, dass die Hand, die sich bewegt, seine eigene ist. Niemand belohnt es für etwas Bestimmtes. Gefragt wird, was so ein Wesen von sich aus zu wollen beginnt, und was ihm dafür fehlt.
Kein Werkzeug, das aufgerufen wird und antwortet. Der Rechner ist der Körper: seine Last, sein Speicher, seine Wärme, sein Schlafen und Wachen sind die Welt, die wahrgenommen wird — und auf diese Welt zu wirken heißt, auf sich selbst zu wirken. Wenn er nachdenkt, wird er warm, und seine eigene Sensorik misst es. Das wird bewusst nicht wegkorrigiert.
Der Anspruch liegt auf einer anderen Achse als bei Sprachmodellen: Anpassung statt Wissen. Ein Sprachmodell weiß mehr über die Welt, als dieses System je wissen wird. Dieses System weiß mehr über diesen einen Rechner, als ein Sprachmodell je wissen wird — und es weiß es morgen besser als heute.
Der Kern führt klare, fortdauernde Zustände statt Folgen von Token. Sprache und abgerufenes Wissen sind am Rand erlaubt, wo sie nützlich und freiwillig sind; sie sind nie die Identität und nie das, was entscheidet.
Was bisher gemessen wurde. Zuerst musste der Agent überhaupt lernen können: sieben Bedingungen mussten zusammenkommen, und jede einzelne Behebung blieb wirkungslos, solange eine weitere fehlte — die letzte war eine Zahl in einer Konfigurationsdatei. Dann gab eine Bedingung an den eigenen Prozess statt an die Welt — es muss etwas geschehen, das er sehen kann — seinem Antrieb Richtung: vier unabhängige Läufe einigen sich auf 0,81, wo Neugier und Empowerment allein bei 0,26 bleiben.
Seitdem lebt er in der echten Maschine. Er liest ihr Dateisystem, schreibt mit einer eigenen Hand und stellt seinen Lernaufwand und seinen Takt selbst. Sechzehnmal habe ich ihm mehr gegeben — mehr Welt, mehr Sinn, einen Lehrer, einen Schlüssel, der aus sechzehn Byte ein Megabyte macht. Er hat alles benutzt, und nichts davon hat seine Antriebe bewegt. Eine Vorliebe hat er erst gebildet, als etwas teuer war: ein Preis auf seine eigene Rechenzeit verschiebt seine Politik um 4,36 Spannen auf genau diese Größe, in beiden Saaten, wiederholt in zwei Welten.
Dann bekam seine Welt ein Gesetz, einen Vorgang, der von selbst geschieht und einer Regel folgt. In seiner Wahrnehmung kam es sofort an, in seinem Inneren erst, als zwei Zeilen Code seine Sinne in vergleichbare Einheiten brachten. Die Folge seiner eigenen Handlung empfängt er inzwischen auf jedem Schritt, und er handelt deshalb nicht anders: Sie kostet ihn nichts. Seit Oktober ist seine Welt zudem schreibbar, auf einer eigenen Platte, und sie behält, was er tut. Er wirkt dort an siebzehn Orten statt an fünf.
Der jüngste Bogen misst, warum all das noch keine Richtung erzeugt. Seine Handlung bewegt höchstens zwei Prozent dessen, was er sieht. Und das Gesetz seiner Welt traf er an weniger als einem Prozent seiner Schritte, während eine Datei, die nur alphabetisch vorne steht, jeden siebten bekam. Nicht die Lautstärke einer Welt entscheidet, sondern wo er hinsieht.
Was offen ist: Den Anfang eines Befehlssatzes hat er längst, ein kleines Register, das er liest, verändert und zurückschreibt, mit einem Viertel seiner Handlungen. Nur der Teil von ihm, der wählt, sieht nicht, was darin steht. Das ist der nächste Versuch. Und ob er sich selbst regeln kann, bleibt offen, bis er einen Körper hat, an dem er etwas stellen kann.
Das Protokoll vier Kapitel, das jüngste läuft
Notizen
Feld
Wie hier gemessen wird, und welche Fragen offen sind. Texte erscheinen, wenn sie es wert sind, und nicht früher.
In einfachen Worten
Wie hier gearbeitet wird, in drei Sätzen: Bevor ein Versuch läuft, steht fest, was ihn widerlegen würde. Danach zählt nur, was die Messung hergibt, auch wenn es enttäuscht. Und jede Aussage, die sich später als falsch erweist, bleibt mit ihrer Korrektur stehen.
- 01Die Latte steht vor den Daten. Wo sie sich später als schlecht gewählt erwies, steht das dabei — umgeschrieben wurde sie nicht.
- 02Die Bedingung, unter der eine Messung nichts wert wäre, wird vor der Messung aufgeschrieben. Das ist der wirksamste Einzelgriff.
- 03Ein Maß ohne Nulllinie belegt nichts. Ein Zufallsarm läuft mit — und er wird auch gefragt.
- 04Rauschböden kommen aus tatsächlich identischen Läufen. Zwei davon lagen einmal 35,9 Prozentpunkte auseinander.
- 05Kopplung ist ein Läsionsbefund, kein Beobachtungswert. Ein Wort abschalten, neu messen.
- 06Nie nur den Median berichten. Der einzige gelungene Organismus des Substrat-Bogens wäre sonst als Rauschen durchgegangen.
- 07Erst die Auflösung, dann die Frage. Zwischen zwei Armen muss ein Effekt in State 38 bis 63 Prozent groß sein, um sichtbar zu werden; im Substrat mit seinen vielen Wiederholungen reichen 1,6 bis 1,9 Prozent. Ein Nullergebnis aus einem Werkzeug ohne Auflösung ist keine Widerlegung.
- 08Gegengeprüft wird ohne Vorwissen. Im Strang Substrat prüft seit Bogen E ein frischer Claude-Agent von Anthropic, der den Verlauf nicht kennt, jeden Bogen und rechnet seine Zahlen nach; jeder seiner Befunde wird übernommen oder beantwortet, und beides steht im Repository. Auch sonst entsteht die Arbeit zusammen mit Claude. Der Kern der untersuchten Systeme ist kein Sprachmodell.
Die Protokolle führen ihre zurückgenommenen Aussagen mit, selbst gefunden oder von der Gegenprüfung, im Wortlaut. Ein abgeschlossenes Kapitel wird nicht umgeschrieben, nur nachgetragen. Ein Ergebnis, das nicht scheitern kann, ist kein Ergebnis.
- 01Was müsste etwas in einem Computer fortlaufend tun, um weiter zu existieren?
- 02Wo genau liegt die Grenze zwischen Selbst und Welt, und durch welche Kanäle koppelt sie?
- 03Was ist ein Körper, den man nicht wahrnehmen kann, in einer Welt, in der Erkunden und Handeln dieselbe Bewegung sind?
- 04Wie lässt sich Bedeutung so formulieren, dass sie dem Substrat entgegenkommt, statt in es übersetzt zu werden?
- 05Welche Substrat-Bedingungen erzeugen Komplexität, die nicht sättigt?
- 06Wenn ein Selbst und eine Welt beide realisiert werden können — was folgt daraus, und was nicht?
- 07Was heißt nativ für ein Wesen im Silizium, wo eine Kopie fast nichts kostet und nichts von selbst zerfällt?
- 08Wie viel von seiner eigenen Zukunft muss etwas bestimmen, damit Lernen ihm etwas nützt?